Moderne Wundversorgung in Deutschland – Bessere Wundheilung bei geringeren Kosten
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Hintergrund - Moderne Wundversorgung in Deutschland (64,5 KiB)
In Deutschland leiden rund drei bis vier Millionen Menschen an chronischen Wunden, bei denen der natürliche Heilungsprozess gestört oder gänzlich gestoppt ist. Insbesondere Wundschmerz, Wundgeruch und eine eingeschränkte Mobilität führen zu starken körperlichen, aber auch psychischen Belastungen der Betroffenen. Mit Hilfe einer effektiven Wundversorgung lässt sich die Lebensqualität der Wundpatienten wesentlich verbessern.
Seit den 60er Jahren ist bekannt, dass die feuchte Wundbehandlung zu einer besseren Wundheilung führt als das früher durchgeführte Trockenlegen der Wunde. Hierzu wurden in den letzten Jahrzehnten differenzierte Wundauflagen für eine phasengerechte Wundbehandlung entwickelt. Dennoch werden in der praktischen Anwendung auch heute noch vielfach traditionelle Wundauflagen nach dem Prinzip der trockenen Wundbehandlung eingesetzt. (1) Bereits Minuten nach der Wundentstehung setzt natürlicherweise die in Stadien verlaufende Wundheilung ein. Durch äußere Einflüsse oder verschiedene Grunderkrankungen kann der natürliche Wundheilungsprozess jedoch gestört sein. Die Folge: Die Wunde heilt nur schlecht oder gar nicht mehr. In Deutschland leiden rund drei bis vier Millionen Menschen an solchen chronischen Wunden, die auch nach Wochen keine Heilungstendenz zeigen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird eine effektive medizinische Wundversorgung erforderlich. Nach Angaben der Initiative Chronische Wunden (ICW) wird in Deutschland jedoch nur jede fünfte chronische Wunde richtig versorgt. (2) Eine bedenkliche Zahl, denn die Folgen sind erheblich: Neben Schmerzen und einer eingeschränkten Mobilität können chronische Wunden auch zu schwerwiegenden psychischen Problemen führen. Die Betroffenen sind in ihrer Selbstständigkeit beeinträchtigt, sie schränken ihre sozialen Kontakte ein und leiden häufig unter Depressionen sowie Schlafstörungen.
Tradition und Moderne – Von der trockenen zur feuchten Wundbehandlung
Im Rahmen der traditionellen Wundbehandlung waren das Trockenlegen der Wunde und ein häufiger Verbandwechsel oberstes Gebot. Was feucht war, galt als infiziert. Im Jahr 1962 konnte der englische Mediziner George Winter in Experimenten mit Hausschweinen nachweisen, dass feuchte Wunden besser heilen. Der Grund: Zellen sind im feuchten Milieu aktiver und können sich besser entwickeln und teilen und damit leichter neue Gewebe bilden.
Mit dieser Erkenntnis war der Grundstein für eine moderne Wundtherapie gelegt: Das Prinzip der feuchten Wundbehandlung. Weitere Studien zeigten, dass diese Wundbehandlung auch bei Menschen überlegen ist. Es dauerte jedoch Jahrzehnte, bis sich dieses Prinzip zumindest teilweise in die Praxis umsetzte. Zur praktischen Umsetzung half vor allem die Entwicklung innovativer so genannter hydroaktiver Wundauflagen seit Anfang der 70er Jahre. Hierzu zählen insbesondere Schäume, silberhaltige Wundauflagen, Alginate und Hydrogelverbände. Ein großer Vorteil dieser innovativen Wundauflagen: Sie verkleben nicht mit der Wunde, so dass dem Patienten bei einem Verbandwechsel Schmerzen weitgehend erspart bleiben. Außerdem verbleiben die hydroaktiven Auflagen deutlich länger auf der Wunde als die traditionellen Kompressen, was ihre Wirtschaftlichkeit erklärt. Heute gilt die Anwendung der feuchten Wundbehandlung als Therapiestandard. Sie bildet eine Säule der Wundversorgung.
Schritt für Schritt – Von der universellen zur phasengerechten Wundbehandlung
Eine weitere Säule der Modernen Wundversorgung bildet das Prinzip der phasengerechten Therapie, die den natürlichen, in drei Phasen verlaufenden Wundheilungsprozess unterstützen und die jeweiligen zellulären Vorgänge gezielt stimulieren soll. Hierfür werden phasengerecht passende Wundauflagen benötigt.
Die erste so genannte Inflammations- oder Reinigungsphase der Wundheilung dient dazu, Schmutzpartikel, Bakterien und beschädigte oder abgestorbene Zellen vom Wundgrund an die Wundoberfläche zu transportieren. Die in dieser Phase eingesetzten Wundverbände müssen deshalb einerseits stark saugfähig sein, um Beläge und Nekrosen zu entfernen, und die Wunde gleichzeitig feucht halten. Infizierte oder infektionsgefährdete Wunden werden antiseptisch oder mit silberhaltigen Wundauflagen behandelt, die eine antimikrobielle Wirkung haben.
In der zweiten so genannten Granulationsphase steht die Gewebeneubildung im Vordergrund. Da Zellen zur Neubildung ein feuchtes Klima benötigen, müssen die entsprechenden Wundauflagen insbesondere in dieser Phase die Wunde durch konstantes Feuchthalten vor dem Austrocknen schützen.
Ziel der dritten als Epithelisierung bezeichneten Wundheilungsphase ist es, die Wunde durch Neubildung und Ausbreitung von Hautzellen zu verschließen. Auch die Wundauflagen, die diese Phase der Wundheilung unterstützen, müssen ein feuchtes und warmes Klima erhalten, damit die Zellwanderung nicht behindert wird. Vor allem steht in dieser Phase aber der Schutz der sich verschließenden Wunde vor äußeren Einwirkungen im Vordergrund.
Wunde und Wundpatient – Von der lokalen zur individuellen Behandlung
Die dritte Säule der Modernen Wundversorgung bildet die ganzheitliche und individuelle Betrachtung des Wundpatienten. Hier spielen Aspekte wie der Ernährungszustand, die Therapie der Grunderkrankung und psychosoziale Faktoren eine wesentliche Rolle. Menschen mit chronischen Wunden sind meist älter und leiden häufig unter verschiedenen Erkrankungen. Die häufigste Form der chronischen Wunden, das Ulcus cruris (1), entsteht infolge einer chronischen Veneninsuffizienz. Die zweithäufigste chronische Wunderkrankung ist der Dekubitus (1), bei dem sich durch erhöhte Belastung und dadurch verminderte Durchblutung der Haut Druckgeschwüre bilden. An dritter Stelle der Statistik steht das Diabetische Fußulcus (1), bei dem die chronischen Wunden durch Folgen des Diabetes bedingt sind.
Versorgungssektoren und Leistungserbringer – Von der Eigenständigkeit zur transsektoralen und interprofessionellen Zusammenarbeit
Kennzeichnend für die medizinische Versorgung in Deutschland ist die vorherrschende Trennung zwischen dem ambulanten und dem stationären Versorgungssektor. Besonders bei der Überleitung des Wundpatienten vom stationären in den ambulanten Bereich wird eine optimale Behandlung stark erschwert, da die Wundtherapie häufig verändert oder sogar abgebrochen wird. Aber auch Probleme innerhalb eines Versorgungssektors können die Wundversorgung beeinträchtigen, wenn beispielsweise Zuständigkeiten zwischen Ärzten und Pflegekräften nicht eindeutig geklärt sind.
Entscheidend für den Erfolg der Wundtherapie ist deshalb auch eine effektive, sowohl transsektorale als auch interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Leistungserbringern wie ambulanten und stationären Pflegekräften, Klinikärzten und niedergelassenen Fach- und Hausärzten. Auf Initiative einzelner engagierter Leistungserbringer haben sich deshalb auf regionaler Ebene in den letzten Jahren vermehrt Wundnetze, wie z. B. das ‘Wundzentrum Hamburg’ (3), gegründet. Zusätzlich kann eine Spezialisierung der Leistungserbringer die Qualität der Wundversorgung beeinflussen. In Deutschland existieren etwa 300 auf die Wundversorgung spezialisierte medizinische Einrichtungen, meist an die Kliniken angeschlossene Wundzentren.
Qualität und Kosteneffektivität – Vom Anspruch zur praktischen Umsetzung
Mit Hilfe der modernen Wundtherapeutika können die Schmerzen der Betroffenen gelindert und reduziert, Geruchsbildung nach außen verhindert und der Heilungsprozess beschleunigt werden. Trotz dieser nachgewiesenen Vorteile werden in Deutschland traditionelle Verbandstoffe bei chronischen Wunden immer noch 40-mal so häufig eingesetzt wie hydroaktive. (1) Besonders im niedergelassenen Bereich werden die auch in Leitlinien empfohlenen Vorgehensweisen der modernen Wundversorgung sehr restriktiv. Ursache hierfür sind zum einen mangelnde Kenntnisse, aber vor allem auch vermeintliche Kostengründe bei der Verordnung sowie die fehlende angemessene Honorierung der Wundversorgung.
Die Moderne Wundversorgung trägt nicht nur zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität der Patienten bei, sie ist auch wirtschaftlicher und nachhaltiger. (4-7) Die zukünftigen Rahmenbedingungen der medizinischen Versorgung müssen daher so gestaltet werden, dass Ärzte, Pflegende und weitere Therapeuten die Elemente der Modernen Wundversorgung vorbehaltlos umsetzen können.
Quellen
(1) BVMed / CEPTON Strategies: Nutzen durch Innovation. Eine Studie zum Beitrag der medizintechnologischen Industrie zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Deutschland. München 2007, S. 31 – 35.
(2) Initiative Chronische Wunden (ICW), www.ic-wunden.de
(3) Wundzentrum Hamburg, www.wundzentrum-hamburg.de
(4) Zschocke I, Bross F, Maier K, Vanscheidt W, Augustin M: Quality of Life in Different Stages of Chronic Venous Insufficiency and Leg Ulcer. Dermatol Psychosom (2002) 3: S. 126 – 131.
(5) Debus ES, Spech E, Larena-Avellaneda A, Faller HH: Lebensqualität bei arteriellen und venösen Ulcera cruris – Einführung eines krankheitsspezifischen Messinstruments. Gefaesschirurgie (2005) 10: S. 99 – 108.
(6) Augustin M, Siegel A, Heuser A, Vanscheidt W: Chronic leg ulcer: Cost evaluation of two treatment strategies. J Dermatol Treat 1999; 10 (Suppl 1): S. 21 – 25. (7) Augustin M, Debus S, Herberger K, Purwins S: Krankheitskosten des Ulcus cruris venosum in Deutschland. (2008): data on file.
